„Spielen macht Spaß“ veröffentlicht in der Zeitschrift für Unterstützte Kommunikation 2/2017

 


Hier ist noch einmal der gesamte Text:

Spielen macht Spaß

Fast alle Kinder- ja, fast alle Menschen- spielen gern.

Das passt nicht so ganz zum Erlernen der UK, häufig kennt man trockene 1:1-Lernsituationen oder ewig lange Wartezeiten. Die Nutzer benötigen meist viel Zeit, um eine Auswahl zu treffen und sie zu tätigen. Wenn in Gruppen gelernt wird, müssen die anderen Schüler viel Geduld aufbringen.

Beim Spielen kann man individuell fördern, kann man das Ursache-Wirkungs-Prinzip erlernen oder vertiefen, kann man sehen, dass das Erlernen von UK nicht nur Arbeit, sondern auch Spaß ist und einige Menschen betrifft, kann man Kernvokabular einsetzen und Fokuswörter vertiefen, kann man Methoden der UK ausprobieren und weiterentwickeln und nicht zuletzt abgucken.

Im Folgenden habe ich einige Ideen aufgeführt, die bei unseren Schülern sehr gut ankommen.

 

Die Talker-Jungs

Die Lerngruppe besteht aus drei Schülern im Alter von 13 bis 15 Jahren.

Richard nutzt seit rund zwei Jahren einen NovaChat LogoFoxx 50, auf dem er alle Wörter findet. Er beherrscht einfache Zwei-bis-drei-Wort-Sätze. Er geht nicht ohne Talker aus dem Haus, hat ihn als Kommunikationsmittel verstanden und liebt seinen Talker heiß und innig.

Leon nutzt eine Quasselkiste 60, die er schon seit vielen Jahren hat. Er kann theoretisch und in Kleingruppen gut mit ihr umgehen, kann einfache Sätze bilden etc. Leider nutzt er diese Hilfe nie, wenn er in Kommunikation tritt, weshalb seine Kommunikationspartner ständig nachfragen müssen.

Andre nutzt ebenfalls die Quasselkiste 60. Leider hat er diese zwar schon recht lange, hatte aber nie eine Förderung bekommen. Die einzige Möglichkeit, die er für sich erkannt hat, ist die Schreibfunktion. Er schreibt nur nicht gut genug, als dass er damit verstanden werden würde. Andre ist erst seit Kurzem in unserer Talkergruppe und muss Ikonenfolgen ganz vom Anfang erlernen.

In der Kleingruppenförderung: „Wolf Spielbücher“

Nach jeden Ferien lesen wir in der Kleingruppe das Wolfsbuch. Sabina Lange hat dies für Metatalk entwickelt und aufbereitet, ich habe es für die beiden oben genannten Talker bearbeitet.

Hier geht es vor allen Dingen darum, ganze Sätze zu benutzen, dabei viel Spaß zu haben und den Talker nicht nur als Arbeitsmittel zu verstehen.

Das Buch handelt von einem hungrigen Wolf, der nach und nach Tieren begegnet und sie auffrisst.

Hier werden die immer gleichen Satzbausteine benutzt, so dass die Schüler die Sätze mit immer weniger Hilfe mit dem Talker sagen können.

Sie sagen die Sätze und dann dürfen sie  immer der Wolf oder eines der anderen Tiere sein und durch den Raum jagen, bis der Wolf das Tier gefangen und gefressen hat.

(Man erkennt hier die zwei verschiedenen Varianten des Buches. Einer hat es so, dass er absichtlich die Abdeckungen abkletten muss, um zu „spicken“, der andere hat die einzelnen Satzbausteine, die er abkletten kann, wenn er sich sicher genug fühlt (und ja- das macht er auch!).)

Quelle: Metacom-symbole.de> downloads> Bücher mit Symboltext> Wolf-Spielbücher

 

Die Gruppe

Die Gruppe ist sehr gemischt. Hier treffen sich alle Schüler der Kooperationsklasse, die aus 24 Schülern besteht.

Neben Richard (s.o.) sind in dieser Gruppe noch fünf andere Jugendliche.

Muhammed ist nach seiner Flucht aus Syrien erst seit Mai in unserer Klasse. Zuvor hat er noch nie eine Förderung erhalten. Muhammed spricht kein Wort, kann aber trotzdem kommunizieren. Unterstützte Kommunikation ist neu für ihn. Ob es an der Sprache oder an den verschiedenen Techniken und Piktogrammen liegt, wissen wir nicht, aber fest steht, dass er noch nicht auswählen kann. Daher lernt er gerade, BigPoints etc. zu nutzen.

Vincent spricht nur wenige Worte („Mama“, „Papa“, „Oma“…). Er hatte lange Zeit einen GoTalk. Auch er kommuniziert sehr gerne, benötigt aber sehr viel Zeit, um Kernvokabular zu verstehen. Mittlerweile nutzt er teilweise Metatalk, worauf wir aber sehr lange hinarbeiten mussten, weil seine Motorik dies nur schwerlich zuließ.

Marie nutzt beidseitig Cochleaimplantate. Sie verbalisiert sehr viel und wahllos, wenn auch für ihre Umwelt meist sehr unverständlich. Häufig redet sie vor sich hin, was sie gerade sieht oder denkt, nur wenige Worte verstehen ihre Mitmenschen. Marie weiß genau, was sie möchte und kann auch durchaus Wörter gezielt einsetzen, tut dies aber sehr selten. Sie weiß zu kommunizieren, dies macht sie mit Körperkontakt und einzelnen gezielten Wörtern (beispielsweise nimmt sie einen an der Hand und sagt: „Der Ball“, wenn sie ihn haben möchte.). Sie reagiert nicht immer auf Kommunikationsversuche von anderen.

Marie verweigert häufig alle Mittel der Unterstützten Kommunikation, sie nutzt keinerlei Gebärden und weigert sich häufig, Sprachausgabegeräte zu nutzen. Seit vielen Jahren arbeiten wir an diesem Thema und mittlerweile ist sie wenigstens teilweise gewillt, Sprachausgabegeräte (Ipad oder BigPoints z.B.) zu benutzen.

Selina ist aufgrund ihrer Gesundheit nur sehr wenig in der Schule. Sie beginnt gerade mit den Anfängen der Augensteuerung. Vor Ihrer langen Krankheit konnte sie so aus vier Piktogrammen entscheiden.

Jonas nutzt zwei BigPoints zur Auswahl zuverlässig. Er weiß um die Nutzung „nochmal“ und „fertig“ und baut nun darauf auf.

 

In der Uk-Gruppe: „Luftballon-Spiel“, „Rollstuhlrennen“, „Hüte-Spiel“ und mehr

Viele tolle Ideen habe ich aus der Spielesammlung „kleine Wörter- große Wirkung“ (siehe FBZ Köln). Die ist eigentlich entwickelt worden, um die Kölner Tafel kennen und mit ihr umgehen und spielen zu lernen.

Ich habe alle Spiele für unsere Talker präpariert und einige Spiele umgewandelt.

Das sieht dann ungefähr so aus:

Hier geht es natürlich auch darum, dass Kernvokabular gelernt wird, nebenbei ist es aber auch so, dass für manche Schüler das Ursache-Wirkungs-Prinzip vertieft wird.

Bekannt und bei unseren Schülern sehr beliebt: Das Luftballon-Spiel. Es gibt eine Vorlage bei Go Talk Now, die wir ein wenig umgearbeitet haben, damit die Schüler nach jedem Kommunikationsschritt einen Handlungsschritt haben, der dies verdeutlicht. So versuchen wir, wahllose Auswahlen zu verringern.

Die Schüler dürfen sich eine Farbe eines Luftballons, dann einen Erwachsenen aussuchen, der den Luftballon für ihn aufpustet und dann muss der Erwachsene darauf hören, was der Schüler von ihm wünscht- zum Beispiel das Quietschen oder Fliegenlassen oder Zerplatzen des Luftballons.

Wichtig ist dabei immer, dass die Schüler direkt in den Kontakt gehen und Handlungen selbstständig durchführen. Sie suchen sich eine Farbe aus, sagen dies mit dem Talker und suchen dann den richtigen Luftballon heraus. Sie entscheiden sich für einen Erwachsenen und geben ihm den Luftballon in die Hand. Die meisten Schüler sind motorisch nicht dazu in der Lage, den Luftballon selbstständig oder auch mit einer Pumpe aufzupusten.

Wir haben auch Schüler, die kein Ipad nutzen, diese nutzen dann ihren persönlichen Talker mit Vorlage, so dass sie selbstständig ganze Sätze bilden können oder BigPoints. Diese Schüler haben Klettbretter, auf denen die BigPoints angebracht sind. Auf dem ersten-also auf der ersten Ebene- BigPoints mit einer Farbauswahl. Auf dem zweiten Brett- also auf der zweiten Ebene- die möglichen Erwachsenen und so weiter…

Die Schüler können so selbstständig entscheiden und bekommen schon einmal eine Ahnung davon, über mehrere Ebenen zu kommunizieren.

 

Nach dem gleichen Prinzip spielen wir auch „Wer wo was“.

Auf der ersten Ebene wird entschieden, WER etwas machen soll.

Auf der zweiten Ebene, WO derjenige etwas machen soll.

Auf der dritten Ebene, WAS derjenige dort machen soll.

Und zum guten Schluss natürlich:

 

Das „Hüte-Spiel“ ist ein sehr witziges Spiel, das aber sehr lange dauert.

Für das Hütespiel benötigt man vor allen Dingen- wie der Name schon sagt- viele Hüte.

Mit diesem Spiel üben wir die Wörter „geben“ und „nehmen“. Per Bigpoints bzw. GTN. Der NovaChat-Nutzer benutzt auch hier wieder ganze Sätze.

In der Mitte liegen viele Hüte. Jeder Schüler darf nun der Reihe nach entscheiden, ob er sich einen Hut nehmen oder ob er einen abgeben möchte- natürlich spielen die Erwachsenen auch mit, das macht den Spaß noch größer.

Wenn alle Hüte in der Mitte weg und schon einige Köpfe mit vielen Hüten versehen sind, dann darf man sich wieder aussuchen, ob man einen Hut abgeben oder sich einen nehmen möchte- jetzt darf man aber einen Hut von einem anderen Kopf nehmen oder entscheiden, wem man einen Hut abgeben möchte.

Mit engagierten Erwachsenen macht dieses Spiel unfassbar viel Spaß. Auch wenn man nicht an der Reihe ist, hat man viel zu gucken, denn die anderen modeln unentwegt.

Mit diesem Spiel können rund fünf Schüler plus Erwachsene problemlos über eine Stunde spielen, ohne dass es langweilig wird.

Am Ende kann man nur noch sagen, dass man Hüte abgibt und gibt sie damit wieder in die Mitte. Wenn niemand mehr einen Hut auf dem Kopf hat, ist das Spiel beendet. Man braucht hier keinen Gewinner, man hat während des Spiels einfach so viel Spaß, dass es keines Gewinners bedarf.

In der UK-Gruppe haben wir keinen Rollstuhlnutzer. Um „stopp“, „weiter“, „nochmal“ und „fertig“ zu üben, aber auch, um Personen auszuwählen machen wir gerne das „Rollstuhlrennen“.

Es gibt einen Polizisten, der auf einem gesonderten Platz sitzt.

Ein Schüler darf sich eine Person aussuchen, die ihn schiebt (wenn es ein Schüler ist, hilft evtl. natürlich noch ein Erwachsener).

Der Polizist sagt „Auf die Plätze, fertig, los“ mit einem BigPoint und darf dann mit den Wörtern „stopp“ und „weiter“ entscheiden, was der Schiebende und der Fahrende machen. Die beiden müssen natürlich schnell darauf hören. Möglichst abruptes Abbremsen oder ein rasanter Start machen es für alle sehr lustig.

Wenn dies gut funktioniert, kann man zwei Rollstühle gegeneinander antreten lassen.

 

 

In der Gesamtgruppe: „Verstecken“, „Alle, die…“ und „Stille Post“

Muss man wirklich extra Situationen stellen, um mit Kommunikationshilfen zu spielen?

Ja, häufig muss man das, gerade dann, wenn es einem darum geht, dass die Schüler Kernvokabular dabei erlernen. Aber natürlich kann man auch vorhandene, quasi schon „altmodische“ Spiele problemlos mit Talkern etc. spielen. Hier ein paar Beispiele:

Meine Talkerjungs spielen gerne immer mal wieder „Verstecken“. Wir haben dabei früher gerufen: „Hänschen, piep einmal.“ Die Jungs können mit den Talkern bis 10 zählen und dann mit ihm fragen: „Wo bist du?“. Derjenige, der sich versteckt hat, kann dann antworten: „Hier“ oder im ganzen Satz: „Ich bin hier“.

Dabei können sie selbstständig über die Lautstärke des Talkers entscheiden, was immer für viele Lacher sorgt.

 

Bei uns ist es Gang und Gäbe, dass die Schüler nicht nur die Ikonenfolgen für Wörter lernen, sondern auch die Gebärden dazu. Selbst wenn sie diese Gebärden nicht selbstständig ausführen (können), so kann man den Schülern doch auch in Stuhlkreisen immer lautlos „vorsagen“/ helfen, die richtigen Sätze zu bilden.

Es gibt an vielen Förderschulen immer wieder Stuhlkreise, bei denen auffällt, dass entweder die kognitiv starken Schüler gelangweilt herumsitzen oder die UK- und/ oder schwächeren Schüler nicht mitmachen (können). Das versuchen wir natürlich zu verhindern.

Ich arbeite in einer Kooperationsklasse (24 Schüler) und wir machen in Stuhlkreisen Kooperationsspiele. Hier zwei Beispiele, bei denen alle Spaß haben und mitmachen können.

Alle, die…:  Eine Person steht in der Mitte des Kreises und hat keinen Platz. Er sagt einen“ Alle, die- Satz“ (zum Beispiel: „Alle, die den 1. FC Köln mögen.“). Nun müssen alle, auf die dies zutrifft, sich einen neuen Platz suchen und auch derjenige in der Mitte versucht, einen Platz zu ergattern.

„Alle“ und „die“ sind einfache Wörter des Kernvokabulars, die jeder Schüler schnell erlernt.

So können Sätze auf dem Talker vorbereitet werden, mit Gebärden gesagt oder auf BigPoints aufgesprochen werden. Alle können mitspielen, alle stehen mal im Mittelpunkt, alle haben Spaß.

 

Das Spiel „Stille Post“ funktioniert prinzipiell auch, erfordert aber ein klein wenig Vorbereitung.

Dafür müssen die Schüler, die eine komplexe Kommunikationshilfe benutzen, neben einem lesenden Schüler oder einem Erwachsenen sitzen und es dürfen nur Wörter auf Reise geschickt werden, die auch auf einem Talker zu finden sind.

Wenn der nichtsprechende Schüler das Wort hört, sucht er es auf seinem stummgeschalteten Talker danach und die Person neben ihm kann es ablesen. So muss man nicht sprechen können, um bei diesem Spiel mitmachen zu können.

 

Fazit

Spielen macht Spaß! Auch- oder vor allen Dingen- mit UK! Denn durch das Spielen verkürzt sich jede Wartezeit, man hat immer spannende Szenen zu beobachten und kann Kernvokabular so leicht und spaßig erlernen, wie sonst selten.

Wichtig ist aber- und damit möchte ich diesen Artikel abschließen-, dass alle Erwachsenen, die an diesen Spielen beteiligt sind, immer großen Spaß haben, denn nur so können auch die Schüler Spaß haben.

 

Weitere Ideen auf der Seite wolkendinge.com unter der Rubrik „Wörterwolke“.

Natürlich gebe ich auf Wunsch auch gerne die Vorlagen für oben beschriebene Spiele heraus. Eine Mail an wolkendinge@web.de genügt.

 

Sabrina Schultheis arbeitet seit 2008 an einer Förderschule FS GG, hat den LUK X besucht und das große Glück, in einer UK-affinen Klasse zu arbeiten.

Nebenher leitet sie einige Schauspiel- und Musicalgruppen, einige davon auch inklusiv oder für Menschen mit Behinderung.

 

 

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