“Mit allen Farben des Gefühls“ 

Quelle: oberbergische Volkszeitung (9.10.2017)

 

Gummersbach Luther-Oratorium mit 200 Akteuren gerät zu einem gefeierten Spektakel

Zum farbenprächtigen,  doch lehrreichen Spektakel geriet das Luther-Oratorium des Musical-Projekts Oberberg.

Zum farbenprächtigen,  doch lehrreichen Spektakel geriet das Luther-Oratorium des Musical-Projekts Oberberg.

Foto:

Dierke

Gummersbach –

„Ich habe es gestern zum ersten Mal gesehen, bei der Generalprobe.“ Das sagte der Koordinator des Mammut-Projektes, Kreiskantor Hans-Peter Fischer, am Freitag vor der Premiere des Luther-Oratoriums im Gummersbacher Theater. So weit gespannt der Kreis der Mitwirkenden, so weit gespannt die Erwartung. Würde es gelingen, fünf Chöre, ein Orchester, eine Rockband, ein Musical-Ensemble und neun Solisten zusammenzuführen? Kurz gesagt: Es ist gelungen. Und zwar auf eine Weise, für die man große Worte braucht: Beeindruckend, monumental, großartig, laut – und dabei auch vergnüglich.

„Wer war Luther? Wer ist Luther heute?“ Jürgen Knabe, Superintendent des Kirchenkreises An der Agger, wirkte stolz und glücklich, als er diese Frage zur Leitfrage des Abends machte, neben Luthers Erkenntnis: „Jeder darf selbstständig denken.“ Und dann, nach neun Monaten Vorbereitung: Vorhang auf!

Stimmen als sicheres Fundament

Eine geschlossene Reihe aus Sängern steht wie eine Wand im Bühnenhintergrund und rockt den Saal. Der Wipperfürther Kantor Stefan Kammerer leitet den Großchor. Dieser besteht aus dem Chor Canticum, dem Kammerchor der Gummersbacher Volkshochschule, dem Gospelchor Bergneustadt, dem Projektchor der Freien Christlichen Bekenntnisschule (FCBG) und den Projektchören Wipperfürth und Dieringhausen. Neben Fischer und Kammerer haben Tabea Schäfer (FCBG) und Hans Wülfing die Chöre trainiert.

Die Stimmen bilden das sichere Fundament der Geschichte um Martin Luther. Sie erzählen, kommentieren, beten und meistern eine fast durchweg schwierige Stimmführung. Die Projekt-Symphoniker (Konzertmeister Paul Lindenauer) und die Rockband inszenieren unter der Gesamtleitung von Joachim Kottmann aus dem Orchestergraben heraus großes Kino mit allen Farben des Gefühls. Dem Auge bietet das Projekt eine bezaubernde Choreographie (Hanna Ludemann) in prächtigen, doch tanzbaren Gewändern, die Carlo Schneeweis entworfen hat. Das alles erzählt die Story des kleinen Martin (Paula Kottmann), der vom Vater (Hans Kuder) misshandelt wird, zum standhaften Reformator – ein Weg durch Zweifel, Anfechtung und Ermutigung.

Martin Luther (gespielt von Carlo Schneeweis).

Martin Luther (gespielt von Carlo Schneeweis).

Foto:

Dierke

Carlo Schneeweis glänzt in der Titelrolle: Er zeigt Luthers Einsamkeit, seinen Versuch, sich gegen Vereinnahmungen zu wehren: „Befreit euch alleine!“ Als er dann zu seiner Aufgabe steht und erklärt: „Ich will selbst denken!“, singt er dem Saal aus dem Herzen – Szenenapplaus. Ein junger Mann hat zu seiner Stimme gefunden.

Das Spektakel zeigt mehr als ein Luther-Porträt. Der Mönch gerät in die Maschinerie aus Macht und Geschäft, wird fast zerrissen von den Mächten. Der Dominikanerpater (sehr düster: Mike Weinerowski), der schwache Kaiser Karl (Peter Kröner), ein bemühter Kurfürst (facettenreich: Uwe Kall), der windige Ablassprediger (glaubhaft: Peter Kröner) – sie alle spielen ihr Spiel. Die Marketenderin Lara (allerliebst: Ramona Even) vermittelt erzählend zwischen den Ebenen Macht und Volk.

Der Dominikanerpater (gespielt von Mike Weinerowski).

Der Dominikanerpater (gespielt von Mike Weinerowski).

Foto:

Dierke

Wenn gar nichts mehr geht, helfen Engelswesen, und sogar der Apostel Paulus (Uwe Kall) steht Luther bei. Das Ensemble ist Augenweide und dramatisches Personal. Regisseurin Sabrina Schultheis führt die erfahrene Truppe sicher ins Finale, das heftigst umjubelt ist.

Komplizierte Theologie oder Finessen der Kirchenhistorie bietet das Oratorium (zum Glück) nicht, aber einen frischen, gar fulminanten Blick auf Martin Luther. Großartige Punktlandung, „und das bei einer zweibändigen Partitur mit harten Nüssen fürs Orchester“, so Kantor Fischer. „Wir hatten den Mut verloren, aber dann haben uns die Musiker einen Extra-Sonntag geschenkt und wir haben alles durchgefiedelt – da ist der Knoten geplatzt.“

Wer wissen möchte, was Musiktheater aus eigener Kraft zu leisten vermag, muss am morgigen Dienstag (20 Uhr) ins Gummersbacher Theater – ins richtige Theater, wie es in Gummersbach von den Fans geliebt wird. Landrat Jochen Hagt und Bürgermeister Frank Helmenstein haben die Premiere erlebt.

 

– Quelle: http://www.rundschau-online.de/28550452 ©2017

 

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