Anfänge- die Presse „Mit dem Rollstuhl auf die Bühne“

(fj/13.09.2013-10:44)

Gummersbach – Jeden Mittwoch probt in der Halle 32 ein ganz besonderer Schauspielkurs – Acht junge Schauspieler mit geistigen und/oder körperlichen Behinderungen bereiten sich hier auf ihre erste große Aufführung vor.

Von Fenja Jansen

Der 18-jährige Benjamin hat bereits Position auf der Bühne eingenommen. Nun bekommen noch Nevina (9 Jahre) und Nadine (10 Jahre) ihre „geheimen“ Aufträge ins Ohr geflüstert. Dann postieren sie sich links und rechts von Benjamins Rollstuhl und schon geht es los. Was dort in der Studiobühne der Halle 32 passiert, ist Improvisations-Theater im besten Sinne: Die jungen Schauspieler reagieren auf das, was der jeweils andere vorgibt. Ganz spontan und frei. In diesem Moment käme wohl niemand auf die Idee, dass es sich hier um die Proben eines ganz besonderen Schauspielkurses handelt. „Wir sind Menschen mit leichten bis schweren geistigen und körperlichen Behinderungen – oder beides, oder ganz ohne“, lacht die Heilpädagogin Sabrina Schultheis, die den Schauspielkurs für Kinder und Jugendliche mit Behinderung leitet.

[Sabrina Schultheis flüstert Jona zu, welche Rolle er auf der Bühne einnehmen soll. Was er daraus macht, entscheidet er.]  

Ihre acht Schützlinge sind zwischen neun und 18 Jahren alt. Zwei der jungen Schauspieler sitzen im Rollstuhl, fünf haben eine geistige Behinderung. Nevina ist die Einzige ohne Behinderung – sie wollte aber unbedingt in diesem Kurs bleiben, auch weil sie hier mit ihrer Schwester Kim zusammen sein kann. Die meisten Schüler kommen direkt von der Schule, darum lässt Schultheis sie erst mal zehn Minuten toben. Aber dann geht es los: Die jungen Schauspieler gehen und fahren durcheinander und begrüßen sich – mal leise, mal laut, mal ganz ohne Worte – je nach Anweisung. Dann geht es auf die Bühne. Zwei Kinder bekommen den Auftrag, ein anderes zu mobben, ein drittes soll das Opfer beschützen. Und schon geht es los.

Der Schauspielkurs arbeitet an einem freien Theaterstück zum Thema Inklusion. Die Handlung ist bislang ein grobes Gerüst im Kopf der Heilpädagogin: „Ich gucke, was den Kindern selbst zu diesem Thema einfällt. Aus ihren Improvisationen bastele ich ein Theaterstück, das hoffentlich ein Ende und einen Anfang hat“, scherzte Schultheis. Sie legt Wert darauf, mit ihren Kindern auch Grundlagen und Theorien zu erarbeiten, damit jeder Teilnehmer daraus seine ganz eigene Art, zu schauspielern ableiten kann. Für das Stück wird sie für jeden Schauspieler eine eigene Rolle entwickeln, gestaltet nach dem, was die Kinder ihr in den Proben anbieten. „Ich arbeite mit dem, was mir die Schauspieler geben. Und das ist jede Menge, weil ich ganz fantasievolle Kinder habe.“ Das Stück wird den Titel „Leben“ tragen und zeigen, worauf es in eben diesem ankommt – und wie unwichtig dabei so etwas wie ein Rollstuhl ist. Die Aufführung ist für Ende des Jahres geplant.

[Nadine filmt ihre Kolleginnen bei der Arbeit, Schultheis wird die Aufnahmen später analysieren.]  

„Es ist ja nicht das erste Mal, dass wir auf der Bühne stehen“, antwortete der 14-jährige Jona auf die Frage, ob er angesichts der Theateraufführung nervös sei. Zur Eröffnung der Kulturwerkstatt hat die Gruppe schon einmal Sketche vor Publikum aufgeführt. „Da waren wir alle ziemlich nervös, aber das war nun mal der Weg, den wir gehen wollten“, erklärte Jona und klang dabei sehr erwachsen. Mit der eigenen Aufregung umzugehen, ist dabei nicht das Einzige, was die Kinder – neben der Schauspielerei – im Kurs lernen. Sie müssen sich im Team zurechtfinden, sich auf andere verlassen, sie lernen, andere zu kritisieren und Kritik auszuhalten. „Kritik ist erlaubt, allerdings innerhalb von gewissen Regeln. Das ist auch im Alltag so“, meinte Schultheis. Besonders stolz ist sie auf ihre Schülerin Nadine. Durch ihre Arbeit an der Helen-Keller-Schule kannte sie Nadine als schüchternes Mädchen, das sich kaum traute, vor anderen zu sprechen. Im Kurs hat sie gelernt, aus sich heraus zu kommen. Dadurch hat sie sich auch in ihrem Alltag verändert. Gerade ist sie zur Klassensprecherin gewählt worden.

[v.li. Nevina, Bastian und Nadine in Aktion.] 

Den Kindern macht der Schauspielkurs aber vor allem eins: Spaß. „Wir sind das coolste Theater überhaupt“, fand Nadine. Und Jona ergänzte: „Mir macht es Spaß, spontan zu sein und mit den anderen gemeinsam zu schauspielern. Wir haben hier einfach immer alle zusammen gute Laune.“ „Sabrina macht das auch ganz schön toll“, lobte die elfjährige Lisa ihre Kursleiterin. Schultheis selbst würde sich über weitere Teilnehmer freuen. „Hier muss man nicht perfekt sprechen können, hier kann man Rollifahrer sein oder Probleme haben, sich Texte zu merken. Solange man Spaß am Theater hat, ist man bei uns herzlich willkommen“, so Schultheis.

Mehr Informationen zum Angebot des Vereins Kulturwerkstatt 32, der auch den Schauspielkurs für Kinder und Jugendliche mit Behinderung anbietet, gibt es unter http://www.halle32.de. Bei Interesse am Schauspielkurs von Sabrina Schultheis, kann man sich direkt an die Kursleiterin wenden unter Tel.: 0176/65 66 65 27.

http://www.oberberg-aktuell.de/index.php?id=144&tx_ttnews%5Btt_news%5D=149384

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